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TaxiDerma, 2020
C&K Galerie Berlin

Es gibt viele Themen, die uns bedrängen: die Ausbeutung von Ressourcen ohne hinreichende Entwicklung von Alternativen; der Klimawandel und dessen ignorante, ein konsequentes Handeln verweigernde Leugnung; die Verdrängung und das Aussterben von Arten; die Umweltverschmutzung, für welche die in die Ozeane verschleppten und in andere Länder exportierten Abfallberge unserer Konsumgesellschaft nur die augenfälligsten Bilder sind; die Rückkehr von Blockdenken und Spaltungsstrategien; die anhaltenden Völkerwanderungen und Migrationsbewegungen; die Kriege, ethnischen Konflikte und die Armut, die diese bedingen...

Schnell kann einem das alles zu viel werden: "Früher war alles besser."

Aber schon in diesem "früher" begann der Mensch, die Erde nach seinen Bedürfnissen zu gestalten, – und wurde selbst durch die Umwelt geformt, die fossilen Schädel bezeugen die evolutionäre Entwicklung vom "homme naturel" zum "homo sapiens". Heute befinden wir uns im Anthropozän und haben den Globus komplett überformt, sind zu einer die Geologie modulierenden Kraft geworden. Dieses "Wir" ist oft schwer auszuhalten, die Konstruktion des „Anderen“ wird zu einer willkommenen Projektionsfläche. So schafft man sich gerne Nischen und Ausfluchten: in Vereinen oder seinem Clan; mit einem bestimmten, eine Eigenwilligkeit behauptenden Habitus; auf der Suche nach dem "Authentischen" – oder in der als Ausnahme inszenierten Situation des Urlaubs. Die Postkarte ist ein Bote dieser Fluchten und zugleich ein Medium der Beruhigung und Beständigkeit. Denn ihre Bilder folgen bestimmten Standards (blauer Himmel, repräsentative Ansicht, Wiedererkennbarkeit), und die beschreibbare Seite lässt nur Raum für verdichtete Aussagen.

Roland Stratmann greift für seine Tableaus auf einen Fundus zurück, der sich in privaten Nachlässen, kollektiven musealen Sammlungen und dem Internet ablagert: die Postkarten mit ihren kompakten Berichten; die Fülle der verfügbaren Bilder; die mittels Taxidermie angeeignete Natur; und für seine Skulpturen auf den Habit der abgelegten Kleidungsstücke. Seine Verfahrensweise ist die des Auf- und Abdeckens, des Herauslösens und Überlagerns, des präzisen Schnitts, der Verschiebung, des Klappens, des Vernähens. Seine Bilder und Skulpturen spielen mit dem "velum", dem opaken Schleier des mehrschichtigen Bildes wie der Konvention der mehrdeutigen Verschleierung. Und sie bieten eine sensationelle "revelatio", eine Enthüllung, die anhand der frei gelegten Bilder und der sezierten Aussagen offensichtlich werden lässt, auf welche Weise wir die Welt gemäß unseren Ansprüchen und Urteilen modellieren.

So schafft Stratmann es, aus dem bedrängenden Material auf poetische und aufgrund der Verschiebung auch humorvolle Weise einen Denkraum zu öffnen und den Betrachtern eine Möglichkeit zur Neu-Orientierung zu geben. Es geht um nichts geringeres als: Lass Dich ansehen, blick zurück, und erkenne Dich selbst!